
Informieren Sie sich umfassend über Binge Eating und seine Auswirkungen.
Diese Seite vermittelt fundiertes Wissen über die Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten von Binge Eating und unterstützt Betroffene auf ihrem Weg zur Genesung.
Binge-Eating-Störung
Die Binge-Eating-Störung (BES) ist eine psychische Essstörung. Sie ist durch wiederkehrende Essanfälle gekennzeichnet, bei denen Betroffene innerhalb kurzer Zeit sehr große Mengen an Nahrung zu sich nehmen und dabei das Gefühl haben, die Kontrolle über ihr Essverhalten zu verlieren.
Ein wesentliches Merkmal der Binge-Eating-Störung ist, dass keine regelmäßigen Gegenmaßnahmen wie selbst herbeigeführtes Erbrechen, Fasten oder übermäßiger Sport erfolgen. Dadurch unterscheidet sie sich von der Bulimie.
Typische Anzeichen sind:
- sehr schnelles Essen,
- Essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl,
- Essen ohne körperlichen Hunger,
- Essen aus Scham oft allein sowie
- Schuld-, Scham- oder Ekelgefühle nach dem Essanfall.
Die Ursachen sind vielfältig. Fachleute gehen davon aus, dass eine Kombination aus genetischen, psychischen und sozialen Faktoren zur Entstehung beiträgt. Stress, Depressionen, belastende Lebensereignisse oder ein geringes Selbstwertgefühl können das Risiko erhöhen.
Bleibt die Erkrankung unbehandelt, kann sie körperliche und psychische Folgen haben. Häufig treten Übergewicht oder Adipositas, Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Depressionen und Angststörungen auf.
Die Behandlung erfolgt meist durch kognitive Verhaltenstherapie (KVT), angeleitete Selbsthilfe und Ernährungsberatung. Ziel ist es, Essanfälle zu reduzieren, einen regelmäßigen Essrhythmus aufzubauen und den Umgang mit belastenden Gefühlen zu verbessern.
Quellen:
- National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases (NIDDK): Definition & Facts for Binge Eating Disorder
- National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases (NIDDK): Binge Eating Disorder
- National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Eating Disorders – Recognition and Treatment
- National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Binge-Eating Disorder Treatment
- Deutsche Gesellschaft für Essstörungen (DGESS)
Statistik über Binge Eating in Deutschland
Für Deutschland gibt es keine aktuelle, bundesweit repräsentative Statistik, die genau angibt, wie viele Menschen an einer diagnostizierten Binge-Eating-Störung leiden. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit verwendet deshalb überwiegend zusammengefasste Ergebnisse internationaler Studien.
Nach diesen Studien erkranken im Laufe ihres Lebens durchschnittlich:
- etwa 28 von 1.000 Mädchen und Frauen, also rund 2,8 %,
- etwa 10 von 1.000 Jungen und Männern, also rund 1 %,
an einer Binge-Eating-Störung. Diese Werte dienen als Orientierung, gelten aber nicht ausschließlich für Deutschland.
Die Binge-Eating-Störung ist nach Angaben des Bundesinstituts die häufigste der drei klassischen Essstörungen. Bei Mädchen und Frauen werden je 1.000 Personen durchschnittlich 28 Binge-Eating-Erkrankungen, 19 Bulimie-Erkrankungen und 14 Magersucht-Erkrankungen angegeben. Bei Jungen und Männern sind es 10 Fälle von Binge Eating, 6 von Bulimie und 2 von Magersucht.
Eine ältere deutsche Bevölkerungsstudie verglich Daten aus den Jahren 1990 und 1997. Für 1997 wurden Binge-Eating-Störungen bei etwa 0,7 % der untersuchten Frauen und 1,5 % der Männer festgestellt. Für 1990 lagen die Werte bei 1,5 % der Frauen und 2,4 % der Männer. Die Unterschiede zwischen den beiden Untersuchungsjahren waren statistisch nicht eindeutig.
Diese ältere Untersuchung ist nur eingeschränkt auf die heutige Bevölkerung übertragbar, weil sie frühere Diagnosekriterien verwendete. Außerdem müssen einzelne Essanfälle von einer diagnostizierten Binge-Eating-Störung unterschieden werden. In derselben Studie berichteten 1997 etwa 1,3 % der Frauen und 2,4 % der Männer über schwere Essanfälle mindestens zweimal pro Woche.
Zusammenfassung: Für Deutschland kann keine genaue aktuelle Betroffenenzahl genannt werden. Als wissenschaftliche Orientierung gelten ungefähr 2,8 % bei Frauen und 1 % bei Männern im Laufe des Lebens. Ältere deutsche Daten lagen zwischen 0,7 % und 1,5 %, sind jedoch nicht mehr aktuell.
Quellen:
- Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit: Wie häufig sind Essstörungen?
- Westenhoefer, J. (2001): Prevalence of eating disorders and weight control practices in Germany in 1990 and 1997. International Journal of Eating Disorders, 29(4), 477–481.
- Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen: Binge-Eating-Störung.
Binge-Eating-Störung im ICD-10
Die Binge-Eating-Störung hat im in Deutschland verwendeten ICD-10-GM keinen eigenen, ausdrücklich so bezeichneten Diagnoseschlüssel. Sie wird in der klinischen Praxis in der Regel unter
F50.8 – Sonstige Essstörungen
eingeordnet. Die deutsche S3-Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung von Essstörungen ordnet die Binge-Eating-Störung ebenfalls dem ICD-10-Code F50.8 zu.
Im offiziellen ICD-10-GM-Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte steht bei F50.8 lediglich „Sonstige Essstörungen“. Als eingeschlossene Beispiele werden Pica bei Erwachsenen und psychogener Appetitverlust genannt. Die Binge-Eating-Störung wird dort nicht ausdrücklich als eigene Unterkategorie aufgeführt.
Abgrenzung zu anderen ICD-10-Codes
F50.4 – Essattacken bei anderen psychischen Störungen bezeichnet übermäßiges Essen als Reaktion auf belastende Ereignisse wie Trauer, Unfälle oder eine Geburt. Dieser Code beschreibt daher nicht automatisch eine eigenständige Binge-Eating-Störung.
F50.9 – Essstörung, nicht näher bezeichnet kann verwendet werden, wenn zwar eine Essstörung vorliegt, aber nicht genügend Informationen für eine genauere Zuordnung vorhanden sind.
Typische Merkmale der Binge-Eating-Störung
Bei der Binge-Eating-Störung treten wiederholt Essanfälle auf, bei denen die betroffene Person das Gefühl hat, die Kontrolle über das Essen zu verlieren. Im Unterschied zur Bulimia nervosa folgen normalerweise keine regelmäßigen Gegenmaßnahmen wie selbst ausgelöstes Erbrechen, Fasten oder übermäßiger Sport. Die Erkrankung ist zudem mit deutlichem psychischem Leiden verbunden. Die S3-Leitlinie beschreibt sie zusammenfassend als wiederkehrende Essanfälle ohne regelmäßiges Kompensationsverhalten.
Unterschied zum ICD-11
Im neueren ICD-11 wird die Binge-Eating-Störung als eigenständige Diagnose geführt:
6B82 – Binge-Eating-Störung
Damit ist sie im ICD-11 klarer abgegrenzt als im ICD-10. In Deutschland wird für die reguläre medizinische Abrechnung derzeit jedoch weiterhin die jeweils gültige deutsche Fassung des ICD-10-GM verwendet.
Formulierung für eine Facharbeit
Im ICD-10-GM besitzt die Binge-Eating-Störung keinen eigenen, ausdrücklich benannten Diagnoseschlüssel. Nach der deutschen S3-Leitlinie wird sie üblicherweise unter F50.8 „Sonstige Essstörungen“ eingeordnet. Im ICD-11 ist sie dagegen unter dem Code 6B82 als eigenständige Erkrankung anerkannt.
Quellen:
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: ICD-10-GM, Kapitel F50 – Essstörungen.
- AWMF: S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung der Essstörungen.
- Herpertz et al.: Aktuelle S3-Leitlinien zur Diagnostik und Therapie der Essstörungen.
- Bayerische Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen: Informationspapier Essstörungen – Gegenüberstellung ICD-10 und ICD-11.
Diagnoseverfahren der Binge-Eating-Störung (BES)
Die Diagnose einer Binge-Eating-Störung (BES) wird von Ärztinnen und Ärzten oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten gestellt. Grundlage sind ein ausführliches klinisches Gespräch, standardisierte Diagnosekriterien sowie die Erfassung körperlicher und psychischer Beschwerden. Die deutsche S3-Leitlinie „Diagnostik und Behandlung der Essstörungen“ empfiehlt eine umfassende Diagnostik, um die Erkrankung sicher festzustellen und andere Essstörungen auszuschließen.
1. Klinisches Gespräch (Anamnese)
Zu Beginn wird ein ausführliches Gespräch geführt. Dabei werden unter anderem folgende Aspekte erfasst:
- Häufigkeit und Dauer der Essanfälle,
- Gefühl des Kontrollverlustes während der Essanfälle,
- Essgewohnheiten und Ernährungsverhalten,
- Gewichtsentwicklung,
- psychische Belastungen sowie
- mögliche Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen.
2. Diagnostische Kriterien
Für die Diagnosestellung werden international anerkannte Diagnosekriterien herangezogen. Eine Binge-Eating-Störung liegt vor, wenn wiederholt Essanfälle mit Kontrollverlust auftreten und keine regelmäßigen kompensatorischen Maßnahmen (z. B. Erbrechen, Fasten oder exzessiver Sport) erfolgen. Diese Kriterien sind im DSM-5 beschrieben und werden auch in der deutschen S3-Leitlinie berücksichtigt.
3. Psychologische Fragebögen
Zur Unterstützung der Diagnose können standardisierte Fragebögen eingesetzt werden, beispielsweise:
- Eating Disorder Examination (EDE),
- Eating Disorder Examination Questionnaire (EDE-Q),
- Binge Eating Scale (BES).
Diese Instrumente helfen dabei, Schweregrad und Häufigkeit der Symptome zu erfassen.
4. Körperliche Untersuchung
Zusätzlich erfolgt eine körperliche Untersuchung, um mögliche gesundheitliche Folgen oder andere Ursachen der Beschwerden auszuschließen. Dazu gehören unter anderem:
- Messung von Größe, Gewicht und Body-Mass-Index (BMI),
- Blutuntersuchungen,
- Kontrolle von Blutdruck und Herz-Kreislauf-System,
- gegebenenfalls weitere Untersuchungen bei Verdacht auf Folgeerkrankungen.
Quellen:
Behandlungsverfahren der Binge-Eating-Störung (BES)
Die Behandlung der Binge-Eating-Störung (BES) verfolgt das Ziel, Essanfälle langfristig zu reduzieren oder zu beenden, ein gesundes Essverhalten aufzubauen und die psychische Belastung zu verringern. Nach der deutschen S3-Leitlinie „Diagnostik und Behandlung der Essstörungen“ ist die Behandlung in den meisten Fällen ambulant möglich. Als Therapie der ersten Wahl wird eine Psychotherapie empfohlen.
1. Psychotherapie
Die Psychotherapie gilt als das wichtigste und wirksamste Behandlungsverfahren bei der Binge-Eating-Störung. Am besten wissenschaftlich untersucht ist die kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Sie hilft den Betroffenen, Auslöser für Essanfälle zu erkennen, ungünstige Denk- und Verhaltensmuster zu verändern sowie einen regelmäßigen Essrhythmus aufzubauen. Die Therapie kann als Einzel- oder Gruppentherapie durchgeführt werden.
2. Interpersonelle Psychotherapie (IPT)
Eine weitere wirksame Behandlungsform ist die interpersonelle Psychotherapie (IPT). Sie konzentriert sich auf zwischenmenschliche Konflikte, Belastungen und soziale Beziehungen, die Essanfälle auslösen oder aufrechterhalten können. Sie kann eingesetzt werden, wenn eine kognitive Verhaltenstherapie nicht geeignet oder nicht verfügbar ist.
3. Angeleitete Selbsthilfe
Bei leichteren Verläufen oder als Ergänzung zur Psychotherapie kann eine angeleitete Selbsthilfe sinnvoll sein. Dabei arbeiten Betroffene mit strukturierten Selbsthilfematerialien und werden regelmäßig von medizinischem oder psychotherapeutischem Fachpersonal begleitet. Dieses Verfahren kann die Zahl der Essanfälle verringern und den Einstieg in eine weiterführende Behandlung erleichtern.
4. Medikamentöse Behandlung
Eine medikamentöse Behandlung steht nicht im Vordergrund. Medikamente können in bestimmten Fällen ergänzend eingesetzt werden, beispielsweise wenn zusätzlich eine Depression oder Angststörung besteht. Sie ersetzen jedoch keine Psychotherapie und werden nicht als alleinige Behandlung empfohlen.
5. Ernährungsberatung und Behandlung von Begleiterkrankungen
Viele Betroffene profitieren zusätzlich von einer Ernährungsberatung, um ein regelmäßiges Essverhalten zu entwickeln. Bestehen Übergewicht, Adipositas oder andere körperliche Erkrankungen, sollten diese ebenfalls behandelt werden. Ziel ist nicht eine kurzfristige Diät, sondern ein langfristig gesundes Essverhalten.
Zusammenfassung
Die wirksamste Behandlung der Binge-Eating-Störung ist die Psychotherapie, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie. Ergänzend können interpersonelle Psychotherapie, angeleitete Selbsthilfe, Ernährungsberatung und – in Einzelfällen – Medikamente eingesetzt werden. Die Behandlung richtet sich immer nach den individuellen Bedürfnissen der betroffenen Person.
Quellen:
