Erfahren Sie alles Wesentliche zur Autismus-Spektrum-Störung und deren Bedeutung.
Diese Seite informiert umfassend über die Merkmale der Autismus-Spektrum-Störung, erklärt Diagnoseverfahren.
Autismus-Spektrum-Störung erklärt
Die Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ist eine angeborene neurologische Entwicklungsbesonderheit. Sie beeinflusst, wie Menschen ihre Umwelt wahrnehmen, Informationen verarbeiten, kommunizieren und mit anderen Personen interagieren.
Der Begriff „Spektrum“ wird verwendet, weil Autismus sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Manche autistischen Menschen leben weitgehend selbstständig, während andere in vielen Lebensbereichen dauerhaft Unterstützung benötigen. Autismus ist keine ansteckende Krankheit und wird nicht durch falsche Erziehung verursacht.
Typische Merkmale
Die Merkmale bestehen grundsätzlich seit der frühen Entwicklung. Sie können aber erst später deutlich werden, wenn die sozialen und alltäglichen Anforderungen zunehmen.
1. Soziale Kommunikation und Interaktion
Autistische Menschen können beispielsweise Schwierigkeiten damit haben:
- Gesichtsausdrücke, Gesten oder Tonfälle zu verstehen
- unausgesprochene soziale Regeln zu erkennen
- Gespräche zu beginnen oder aufrechtzuerhalten
- Ironie, Redewendungen und indirekte Aussagen zu verstehen
- Blickkontakt einzusetzen oder auszuhalten
- Freundschaften und soziale Beziehungen aufzubauen
- eigene Gefühle oder Bedürfnisse auszudrücken
Das bedeutet nicht, dass autistische Menschen keine Gefühle haben oder keine Beziehungen wünschen. Die Art, Gefühle zu zeigen und soziale Kontakte zu gestalten, kann lediglich anders sein.
2. Wiederholte Verhaltensweisen und besondere Interessen
Mögliche Merkmale sind:
- wiederholte Bewegungen, beispielsweise Schaukeln oder Bewegungen mit den Händen
- Wiederholen bestimmter Wörter oder Sätze
- starkes Bedürfnis nach festen Abläufen
- Schwierigkeiten mit unerwarteten Veränderungen
- sehr intensive oder spezielle Interessen
- genaue Beschäftigung mit bestimmten Einzelheiten
- Wunsch nach Vorhersehbarkeit und klaren Strukturen
Wiederholte Bewegungen können der Selbstregulation dienen und helfen, mit Aufregung, Stress oder starken Sinneseindrücken umzugehen.
3. Besondere Reizwahrnehmung
Autistische Menschen können Sinnesreize stärker oder schwächer wahrnehmen. Dazu gehören:
- Geräusche
- Licht und Farben
- Berührungen
- Gerüche und Geschmack
- Temperaturen
- Schmerzen
- Bewegungs- und Gleichgewichtsreize
Ein alltägliches Geräusch kann beispielsweise als sehr laut oder schmerzhaft empfunden werden. Eine Reizüberlastung kann zu starkem Stress, Rückzug oder einem sogenannten Meltdown führen.
Unterschiedliche Ausprägungen
Früher wurden unter anderem frühkindlicher Autismus, Asperger-Syndrom und atypischer Autismus unterschieden. In neueren Klassifikationssystemen werden diese Formen unter dem Oberbegriff Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst.
Die sprachlichen und intellektuellen Fähigkeiten können sehr unterschiedlich sein. Autismus kann mit einer Intelligenzminderung verbunden sein, muss es aber nicht. Manche Menschen sprechen wenig oder gar nicht und nutzen unterstützende Kommunikationsformen. Andere verfügen über einen großen Wortschatz, haben aber Schwierigkeiten mit der sozialen Bedeutung von Sprache.
Stärken autistischer Menschen
Neben Herausforderungen können autistische Menschen besondere Fähigkeiten besitzen. Dazu gehören beispielsweise:
- genaue Wahrnehmung von Einzelheiten
- intensive Konzentration auf Interessengebiete
- gutes Fakten- oder Langzeitgedächtnis
- logisches und systematisches Denken
- Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit
- Erkennen von Mustern
- besondere kreative oder fachliche Fähigkeiten
Diese Stärken sind individuell und treffen nicht auf alle autistischen Menschen gleichermaßen zu.
Mögliche Ursachen
Autismus entsteht vermutlich durch das Zusammenwirken verschiedener biologischer und genetischer Faktoren. Die Entwicklung und Arbeitsweise des Gehirns unterscheidet sich dabei von derjenigen nicht-autistischer Menschen.
Autismus wird nach aktuellem Forschungsstand nicht durch Erziehungsfehler oder mangelnde Zuwendung verursacht. Auch Impfungen verursachen keinen Autismus. Umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen haben keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus festgestellt.
Diagnose
Es gibt keinen Bluttest oder Gehirnscan, mit dem Autismus eindeutig nachgewiesen werden kann. Die Diagnose erfolgt durch spezialisierte Fachkräfte und umfasst unter anderem:
- Gespräche über die aktuelle Situation
- Erhebung der Entwicklungsgeschichte
- Beobachtung von Kommunikation und Verhalten
- standardisierte Interviews und Untersuchungsverfahren
- Informationen von Eltern oder anderen Bezugspersonen
- Prüfung möglicher anderer Erklärungen
Bei Kindern können Sozialpädiatrische Zentren sowie kinder- und jugendpsychiatrische Praxen zuständig sein. Erwachsene können sich unter anderem an psychiatrische, psychotherapeutische oder spezialisierte Autismus-Ambulanzen wenden.
Begleiterkrankungen
Zusätzlich können weitere Erkrankungen oder Beeinträchtigungen auftreten, beispielsweise:
- ADHS
- Angststörungen oder Depressionen
- Schlafstörungen
- Epilepsie
- Lern- oder Sprachschwierigkeiten
- Magen-Darm-Beschwerden
- motorische Schwierigkeiten
Nicht alle Probleme entstehen unmittelbar durch Autismus. Belastungen können auch durch Reizüberflutung, fehlende Unterstützung, Ausgrenzung oder den dauerhaften Versuch entstehen, autistische Merkmale zu verbergen.
Unterstützung im Alltag
Autismus selbst muss nicht „geheilt“ werden. Unterstützungsangebote sollen die Lebensqualität, Kommunikation, Selbstständigkeit und gesellschaftliche Teilhabe verbessern. Je nach individuellem Bedarf können klare Tagesstrukturen, reizärmere Umgebungen, Kommunikationshilfen, pädagogische Förderung oder psychotherapeutische Unterstützung hilfreich sein.
Welche Unterstützung geeignet ist, sollte gemeinsam mit der autistischen Person entschieden werden. Persönliche Bedürfnisse, Grenzen und Stärken müssen dabei berücksichtigt werden.
Quellen:
Statistik zur Autismus-Spektrum-Störung in Deutschland
In Deutschland hat schätzungsweise etwa einer von 100 Menschen eine Autismus-Spektrum-Störung. Das entspricht ungefähr einem Prozent der Bevölkerung. Auf die deutsche Gesamtbevölkerung übertragen wären das grob mehr als 800.000 Menschen. Dabei handelt es sich um eine Hochrechnung und nicht um die Zahl aller ärztlich registrierten Diagnosen.
Autismus wird bei Jungen und Männern ungefähr doppelt so häufig diagnostiziert wie bei Mädchen und Frauen. Fachleute vermuten allerdings, dass Autismus bei Mädchen und Frauen häufiger unerkannt bleibt. Mögliche Gründe sind andere Erscheinungsformen und das sogenannte Maskieren, bei dem autistische Verhaltensweisen bewusst oder unbewusst verborgen werden.
Eine Auswertung der Krankenkasse hkk untersuchte Versicherte im Alter von 0 bis 24 Jahren. Der Anteil junger Menschen mit dokumentierter Autismusdiagnose stieg von ungefähr 0,4 Prozent im Jahr 2013 auf etwa 0,8 Prozent im Jahr 2019. Bis 2022 blieb der Anteil mit ungefähr 0,8 Prozent weitgehend stabil. Die Diagnosequote hatte sich innerhalb des untersuchten Zeitraums somit annähernd verdoppelt.
Unter den jungen Versicherten mit Autismusdiagnose hatten laut dieser Auswertung rund 36,8 Prozent die Diagnose frühkindlicher Autismus und etwa 31,9 Prozent die Diagnose Asperger-Syndrom. Diese Bezeichnungen stammen aus der ICD-10. Neuere Klassifikationssysteme fassen die verschiedenen Erscheinungsformen unter dem Begriff Autismus-Spektrum-Störung zusammen.
Der Anstieg der diagnostizierten Fälle bedeutet nicht zwangsläufig, dass Autismus tatsächlich entsprechend häufiger geworden ist. Als mögliche Gründe gelten:
- größere öffentliche und medizinische Aufmerksamkeit
- verbesserte diagnostische Möglichkeiten
- breiter gefasste Diagnosekriterien
- häufigere Untersuchungen
- bessere Erkennung weniger auffälliger Ausprägungen
Für Deutschland gibt es bislang keine umfassende, repräsentative Erhebung, die alle Altersgruppen und nicht diagnostizierte Personen einschließt. Krankenkassendaten erfassen nur Menschen, bei denen eine Diagnose dokumentiert und abgerechnet wurde. Die geschätzte Häufigkeit von einem Prozent und die tatsächliche Diagnosequote sind deshalb nicht unmittelbar miteinander vergleichbar.
Quellen:
Autismus-Spektrum-Störung nach ICD-10
Die ICD-10 ist ein internationales System zur Einteilung und Verschlüsselung von Krankheiten und gesundheitlichen Störungen. In Deutschland wird für ärztliche Diagnosen die angepasste ICD-10-GM verwendet. „GM“ bedeutet „German Modification“.
In der ICD-10-GM wird Autismus im Kapitel Psychische und Verhaltensstörungen (F00–F99) eingeordnet. Dort gehört er zur Gruppe Entwicklungsstörungen (F80–F89) und wird unter F84.- Tief greifende Entwicklungsstörungen verschlüsselt.
Die ICD-10 beschreibt als gemeinsame Merkmale:
- Besonderheiten der sozialen Interaktion
- Besonderheiten der Kommunikation
- eingeschränkte oder intensive Interessen
- wiederholte und stereotype Verhaltensweisen
Wichtige ICD-10-Codes
- F84.0 – Frühkindlicher Autismus: Die Merkmale zeigen sich vor dem dritten Lebensjahr. Betroffen sind soziale Interaktion, Kommunikation sowie eingeschränkte oder sich wiederholende Verhaltensweisen. Weitere Bezeichnungen sind infantiler Autismus und Kanner-Syndrom.
- F84.1 – Atypischer Autismus: Die Entwicklung unterscheidet sich vom frühkindlichen Autismus. Die Merkmale treten beispielsweise erst nach dem dritten Lebensjahr deutlich auf oder sind nicht in allen drei Kernbereichen vollständig vorhanden.
- F84.2 – Rett-Syndrom: Nach zunächst unauffälliger Entwicklung gehen unter anderem sprachliche, motorische und manuelle Fähigkeiten verloren. Das Rett-Syndrom hat meist eine genetische Ursache. In neueren Klassifikationen wird es nicht mehr als Form der Autismus-Spektrum-Störung eingeordnet.
- F84.3 – Andere desintegrative Störung des Kindesalters: Nach einer zunächst weitgehend normalen Entwicklung gehen innerhalb weniger Monate bereits erworbene Fähigkeiten verloren. Gleichzeitig können autismusähnliche Merkmale auftreten.
- F84.4 – Überaktive Störung mit Intelligenzminderung und Bewegungsstereotypien: Dieser Code beschreibt eine Kombination aus schwerer Intelligenzminderung, starker Aktivität, Aufmerksamkeitsproblemen und wiederholten Bewegungen. Es handelt sich nicht um eine typische Autismusdiagnose.
- F84.5 – Asperger-Syndrom: Es bestehen autistische Besonderheiten der sozialen Interaktion sowie eingeschränkte oder sich wiederholende Interessen. Nach der ICD-10 liegt keine allgemeine Verzögerung der Sprach- oder kognitiven Entwicklung vor.
- F84.8 – Sonstige tief greifende Entwicklungsstörungen: Dieser Code wird für andere Entwicklungsstörungen aus dieser Gruppe verwendet, die keinem der genauer beschriebenen Codes zugeordnet werden können.
- F84.9 – Tief greifende Entwicklungsstörung, nicht näher bezeichnet: Dieser Code wird verwendet, wenn eine entsprechende Entwicklungsstörung festgestellt wurde, aber keine genauere Zuordnung möglich ist.
Unterschied zwischen ICD-10 und ICD-11
Die ICD-10 unterteilt Autismus noch in Diagnosen wie frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus und Asperger-Syndrom. In der neueren ICD-11 werden diese Diagnosen überwiegend unter dem gemeinsamen Begriff Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst.
Die ICD-11 unterscheidet stattdessen unter anderem danach, ob eine Intelligenzentwicklungsstörung vorliegt und wie stark die funktionale Sprache beeinträchtigt ist. In Deutschland wird im medizinischen Abrechnungssystem derzeit weiterhin die ICD-10-GM verwendet.
Zusatzbuchstaben auf medizinischen Unterlagen
In der ambulanten Versorgung können ICD-Codes durch Buchstaben ergänzt werden:
- G – gesicherte Diagnose
- V – Verdachtsdiagnose
- A – ausgeschlossene Diagnose
- Z – Zustand nach der Erkrankung
Beispielsweise bedeutet F84.5 G, dass das Asperger-Syndrom als gesicherte Diagnose dokumentiert wurde. Ein ICD-Code allein reicht jedoch nicht zur Selbstdiagnose. Die genaue Bedeutung sollte mit der diagnostizierenden Fachkraft besprochen werden.
Quellen:
Diagnoseverfahren bei einer Autismus-Spektrum-Störung
Die Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung wird von spezialisierten Fachkräften gestellt. Bei Kindern sind dies beispielsweise Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Sozialpädiatrische Zentren oder spezialisierte Autismusambulanzen. Erwachsene können sich zunächst an eine hausärztliche, psychiatrische oder psychotherapeutische Praxis wenden.
Es gibt keinen einzelnen Bluttest, Gentest oder Gehirnscan, der Autismus sicher nachweisen oder ausschließen kann. Die Diagnose beruht auf Gesprächen, Verhaltensbeobachtungen, der Entwicklungsgeschichte und standardisierten Untersuchungsverfahren. Meist sind mehrere Termine erforderlich.
1. Erstgespräch und Verdachtsabklärung
Im ersten Gespräch werden die aktuellen Schwierigkeiten und der Anlass für die Untersuchung besprochen. Dabei geht es beispielsweise um:
- soziale Kontakte und Beziehungen
- sprachliche und nonverbale Kommunikation
- intensive oder eingeschränkte Interessen
- wiederholte Bewegungen und Verhaltensweisen
- Umgang mit Veränderungen
- Routinen und das Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit
- besondere Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen, Licht oder Berührungen
- Schwierigkeiten in Schule, Ausbildung, Beruf oder Alltag
Bei Kindern werden häufig Eltern, Erziehungsberechtigte oder pädagogische Fachkräfte einbezogen. Bei Erwachsenen können – mit Zustimmung – Angehörige oder andere vertraute Personen befragt werden.
2. Screeningverfahren
Fragebögen können prüfen, ob Hinweise auf Autismus bestehen und eine ausführliche Diagnostik sinnvoll ist. Beispiele sind:
- M-CHAT-R/F für Kleinkinder
- AQ beziehungsweise AQ-10 für Jugendliche und Erwachsene
- SRS zur Einschätzung sozialer Kommunikation und Interaktion
Ein auffälliges Screening ist noch keine Diagnose. Umgekehrt kann ein unauffälliges Ergebnis Autismus nicht immer sicher ausschließen, insbesondere wenn eine Person autistische Merkmale stark verbirgt.
3. Entwicklungsgeschichte
Da Autismus eine Entwicklungsbesonderheit ist, wird die Entwicklung seit der frühen Kindheit betrachtet. Dabei werden unter anderem folgende Bereiche besprochen:
- Beginn des Sprechens
- Verwendung von Blickkontakt und Gesten
- Reaktion auf den eigenen Namen
- Spielverhalten und Fantasiespiel
- Kontakt zu Gleichaltrigen
- besondere Interessen und Routinen
- Reaktion auf Veränderungen und Sinnesreize
- motorische und schulische Entwicklung
Hilfreich können frühere Arztberichte, Schulzeugnisse, Entwicklungshefte, Videos oder Aussagen von Angehörigen sein. Bei Erwachsenen sind solche Informationen nicht immer verfügbar. Eine Diagnostik kann trotzdem möglich sein.
4. Standardisierte diagnostische Verfahren
Zur fachlichen Beurteilung können standardisierte Verfahren eingesetzt werden:
- ADOS-2: Die Fachkraft beobachtet Kommunikation, soziale Interaktion, Spielverhalten und weitere autistische Merkmale in vorgegebenen Situationen.
- ADI-R: Ein ausführliches Interview mit Eltern oder anderen Personen, die die frühe Entwicklung gut kennen.
- DISCO oder vergleichbare Interviews: Strukturierte Erfassung der Entwicklung, des Verhaltens und der alltäglichen Fähigkeiten.
Diese Verfahren unterstützen die Diagnose, dürfen aber nicht allein über das Ergebnis entscheiden. Die Gesamtbeurteilung durch erfahrene Fachkräfte bleibt entscheidend.
5. Untersuchung von Sprache, Intelligenz und Entwicklung
Je nach Alter und Bedarf werden weitere Fähigkeiten untersucht:
- Sprachverständnis und Sprachgebrauch
- nonverbale Kommunikation
- Aufmerksamkeit und Gedächtnis
- kognitive Fähigkeiten
- schulische Fertigkeiten
- motorische Entwicklung
- selbstständige Bewältigung des Alltags
Die Ergebnisse helfen dabei, Stärken, Schwierigkeiten und den individuellen Unterstützungsbedarf festzustellen. Autismus kann mit, aber auch ohne Sprach- oder Intelligenzbeeinträchtigung auftreten.
6. Körperliche und neurologische Untersuchung
Eine medizinische Untersuchung soll mögliche Begleiterkrankungen oder andere Ursachen erkennen. Dazu können gehören:
- körperliche und neurologische Untersuchung
- Überprüfung des Hörens und Sehens
- Beurteilung von Wachstum und Motorik
- Abklärung von Schlafproblemen oder Epilepsie
- genetische Untersuchung bei entsprechenden Hinweisen
EEG, MRT oder genetische Tests gehören nicht automatisch zu jeder Autismusdiagnostik. Sie werden eingesetzt, wenn beispielsweise Krampfanfälle, Entwicklungsrückschritte, neurologische Auffälligkeiten oder Hinweise auf ein genetisches Syndrom bestehen.
7. Abgrenzung zu anderen Erklärungen
Die Fachkräfte prüfen, ob die Merkmale besser oder zusätzlich durch andere Erkrankungen oder Entwicklungsbesonderheiten erklärt werden können. Dazu gehören beispielsweise:
- ADHS
- Sprachentwicklungsstörungen
- Intelligenzentwicklungsstörung
- soziale Angststörung
- Zwangsstörung
- Depression
- Bindungs- oder Traumafolgestörungen
- Persönlichkeitsstörungen
- Hör- oder Sehbeeinträchtigungen
Mehrere Diagnosen können gleichzeitig bestehen. Beispielsweise können eine Autismus-Spektrum-Störung und ADHS gemeinsam auftreten.
Besonderheiten bei Erwachsenen
Bei Erwachsenen kann die Diagnose schwieriger sein, weil sie häufig Strategien entwickelt haben, um soziale Situationen zu bewältigen und autistische Merkmale zu verbergen. Dies wird als Masking oder Camouflaging bezeichnet.
Besonders bei Frauen können die Merkmale weniger auffällig erscheinen. Einige Betroffene halten beispielsweise Blickkontakt, führen Gespräche oder haben Freundschaften, benötigen dafür jedoch viel bewusste Anstrengung und sind anschließend stark erschöpft. Solche erlernten Fähigkeiten schließen Autismus nicht automatisch aus.
Ergebnis der Diagnostik
Am Ende werden die Ergebnisse in einem Abschlussgespräch erklärt. Dabei sollte dargestellt werden:
- ob die Diagnosekriterien erfüllt sind
- welche Stärken und Schwierigkeiten festgestellt wurden
- ob Begleiterkrankungen vorliegen
- welcher Unterstützungsbedarf besteht
- welche weiteren Beratungs- oder Hilfsangebote infrage kommen
Die Diagnose darf nicht allein anhand eines Online-Tests gestellt werden. Online-Fragebögen können höchstens eine erste Orientierung bieten.
Quellen:
Behandlungsverfahren bei einer Autismus-Spektrum-Störung
Autismus ist eine lebenslange neurologische Entwicklungsbesonderheit. Ziel der Behandlung ist deshalb nicht, Autismus zu „heilen“ oder die Persönlichkeit eines Menschen zu verändern. Unterstützungsmaßnahmen sollen vielmehr die Lebensqualität, Kommunikation, Selbstständigkeit und gesellschaftliche Teilhabe verbessern.
Welche Maßnahmen geeignet sind, hängt vom Alter, den Fähigkeiten, den persönlichen Zielen und dem Unterstützungsbedarf ab. Die betroffene Person sollte möglichst aktiv in die Planung einbezogen werden.
1. Individueller Förder- und Unterstützungsplan
Zu Beginn werden Stärken, Schwierigkeiten und konkrete Ziele festgestellt. Der Plan kann unterschiedliche Lebensbereiche umfassen:
- Kommunikation
- soziale Beziehungen
- Schule, Ausbildung oder Beruf
- Selbstversorgung und Alltagsorganisation
- Umgang mit Veränderungen
- Reizverarbeitung
- psychische und körperliche Begleiterkrankungen
Die Ziele sollten verständlich, alltagsnah und regelmäßig überprüfbar sein.
2. Frühförderung
Bei kleinen Kindern kann eine frühzeitige, entwicklungsorientierte Förderung hilfreich sein. Spielerische und verhaltenstherapeutische Elemente werden dabei mit alltäglichen Situationen verbunden.
Gefördert werden beispielsweise:
- gemeinsame Aufmerksamkeit
- Nachahmung und Spielverhalten
- verbale und nonverbale Kommunikation
- soziale Kontaktaufnahme
- Selbstständigkeit
- Umgang mit Gefühlen
Eltern oder andere Bezugspersonen werden häufig einbezogen, damit hilfreiche Strategien auch im Alltag angewendet werden können. Förderung sollte die Interessen und Belastungsgrenzen des Kindes berücksichtigen.
3. Logopädie und unterstützte Kommunikation
Logopädie kann beim Aufbau von Sprache, Sprachverständnis und sozialer Kommunikation helfen. Dabei geht es nicht nur um das Sprechen, sondern auch darum, Bedürfnisse verständlich mitteilen zu können.
Wenn gesprochene Sprache nicht ausreicht, können Formen der unterstützten Kommunikation eingesetzt werden:
- Gebärden
- Bildkarten und Symbolsysteme
- Kommunikationstafeln
- elektronische Sprachausgabegeräte oder Apps
Unterstützte Kommunikation verhindert die Entwicklung gesprochener Sprache nicht. Sie kann Kommunikation ermöglichen und Frustration verringern.
4. Ergotherapie
Ergotherapie kann sinnvoll sein, wenn konkrete Schwierigkeiten bei alltäglichen Tätigkeiten bestehen. Geübt werden können beispielsweise:
- Anziehen, Essen und Körperpflege
- Schreiben und feinmotorische Tätigkeiten
- Planung von Handlungsabläufen
- Umgang mit Hilfsmitteln
- Organisation des Alltags
Bei einer besonderen Reizverarbeitung können gemeinsam praktische Anpassungen entwickelt werden, etwa Gehörschutz, Pausen oder eine reizärmere Arbeitsumgebung. Eine pauschale „Normalisierung“ der Sinneswahrnehmung ist nicht das Ziel.
5. Soziales Kompetenztraining
Soziale Situationen können in Einzel- oder Gruppenangeboten besprochen und eingeübt werden. Mögliche Themen sind:
- Gespräche beginnen und beenden
- Missverständnisse erkennen
- eigene Bedürfnisse ausdrücken
- Grenzen setzen
- Konflikte lösen
- Freundschaften und Beziehungen gestalten
- Verhalten in Schule oder Beruf
Die Maßnahme sollte nicht dazu dienen, unauffälliges Verhalten zu erzwingen. Wichtig ist, hilfreiche Fähigkeiten zu vermitteln und gleichzeitig die individuelle Kommunikationsweise zu respektieren.
6. Angepasste Psychotherapie
Eine autismusgerechte Psychotherapie kann bei persönlichen Belastungen oder zusätzlichen psychischen Erkrankungen helfen. Dazu zählen beispielsweise Angststörungen, Depressionen, Zwänge oder traumatische Erfahrungen.
Hilfreiche Anpassungen können sein:
- klare und direkte Sprache
- feste Strukturen und vorhersehbare Abläufe
- schriftliche oder bildliche Erklärungen
- konkrete statt abstrakte Aufgaben
- Berücksichtigung der Reizempfindlichkeit
- ausreichend Zeit zur Verarbeitung
- Einbeziehung besonderer Interessen
Psychotherapie behandelt nicht den Autismus selbst, sondern unterstützt beim Umgang mit Belastungen und Begleiterkrankungen.
7. Beratung und Psychoedukation
Autistische Menschen und ihre Angehörigen erhalten Informationen über Autismus, individuelle Bedürfnisse und Unterstützungsmöglichkeiten. Dabei können Strategien für den Alltag entwickelt werden, etwa:
- Reizüberlastung frühzeitig erkennen
- Pausen und Rückzugsmöglichkeiten einplanen
- Veränderungen rechtzeitig ankündigen
- Tagesabläufe sichtbar strukturieren
- persönliche Warnzeichen für Überforderung beachten
- einen Krisenplan erstellen
Auch Angehörige können Beratung oder eigene Unterstützungsangebote erhalten.
8. Unterstützung in Schule, Ausbildung und Beruf
Umgebungsanpassungen sind häufig ebenso wichtig wie therapeutische Maßnahmen. Möglich sind:
- Schul- oder Arbeitsassistenz
- Nachteilsausgleiche
- klare schriftliche Arbeitsaufträge
- feste Ansprechpersonen
- reizärmere Arbeitsplätze
- angepasste Prüfungsbedingungen
- zusätzliche Pausen
- Unterstützung bei Ausbildung und Arbeitsplatzsuche
- betreutes oder unterstütztes Wohnen
Ziel ist nicht nur die Anpassung der autistischen Person, sondern auch die Gestaltung einer passenden Umgebung.
9. Umgang mit herausforderndem Verhalten
Selbstverletzungen, Aggressionen oder starke Wutausbrüche sollten nicht nur unterdrückt werden. Zunächst muss untersucht werden, welche Funktion das Verhalten hat und was es auslöst.
Mögliche Ursachen sind:
- Schmerzen oder körperliche Erkrankungen
- Kommunikationsprobleme
- Reizüberlastung
- Angst und Unsicherheit
- Schlafmangel
- unerwartete Veränderungen
- Über- oder Unterforderung
- fehlende Rückzugsmöglichkeiten
Anschließend werden Auslöser reduziert, Kommunikation verbessert und alternative Bewältigungsstrategien aufgebaut.
10. Medikamentöse Behandlung
Es gibt kein Medikament, das die Kernmerkmale von Autismus beseitigt. Medikamente können jedoch bei bestimmten Begleiterkrankungen oder erheblichen zusätzlichen Beschwerden eingesetzt werden, beispielsweise bei:
- ADHS
- Depressionen oder starken Ängsten
- Epilepsie
- schweren Schlafstörungen
- ausgeprägter Aggressivität oder Selbstverletzung
Vor einer medikamentösen Behandlung sollten mögliche körperliche, psychische und umweltbedingte Ursachen geprüft werden. Wirkung und Nebenwirkungen müssen regelmäßig kontrolliert werden.
Nicht empfohlene Verfahren
Für verschiedene angebliche „Autismusheilungen“ fehlt ein verlässlicher Wirksamkeitsnachweis oder sie können gefährlich sein. Dazu gehören insbesondere:
- Chelattherapie
- Bleichmittel oder Chlordioxid
- unbegründete Hormonbehandlungen
- hyperbare Sauerstofftherapie zur Behandlung der Autismusmerkmale
- pauschale Ausschlussdiäten ohne medizinischen Grund
- Mittel, die als angebliche Entgiftung angeboten werden
Eine besondere Ernährung ist nur sinnvoll, wenn beispielsweise eine nachgewiesene Allergie, Unverträglichkeit oder andere medizinische Indikation besteht.
Quellen:
