Abhängige Persönlichkeitsstörung

Erfahren Sie, wie wir Menschen mit Abhängiger Persönlichkeitsstörung unterstützen und begleiten.

Diese Seite informiert Sie über die Charakteristika, Ursachen und Therapieansätze der Abhängigen Persönlichkeitsstörung und bietet Ihnen fundierte Einblicke in diese psychische Erkrankung.

Abhängige Persönlichkeitsstörung erklärt

Die abhängige (dependente) Persönlichkeitsstörung ist durch ein tief verwurzeltes, allumfassendes Bedürfnis gekennzeichnet, von anderen Menschen umsorgt, bemuttert oder geführt zu werden. Dies führt zu einem stark unterwürfigen, klammernden Verhalten und einer ausgeprägten Verlust- und Trennungsangst.

Während Menschen mit einer ängstlich-vermeidenden Störung auf ihre Unsicherheit mit sozialem Rückzug reagieren, suchen Menschen mit einer dependenten Störung extremen Anschluss und ordnen sich Bezugspersonen komplett unter, um bloß nicht allein gelassen zu werden.

1. Hauptmerkmale: Wie äußert sich die Störung?

Die Symptome verfestigen sich im frühen Erwachsenenalter und zeigen sich dauerhaft durch folgende Verhaltensmuster:

  • Unfähigkeit, allein Entscheidungen zu treffen: Betroffene brauchen für alltägliche Entscheidungen (z. B. was sie anziehen, essen oder kaufen sollen) ein extremes Maß an Rückversicherung und Ratschlägen von anderen.
  • Abgabe der Verantwortung: Sie lassen wichtige Bereiche ihres Lebens (Finanzen, Beruf, Wohnort, Erziehung) komplett von der Partnerin, dem Partner oder den Eltern bestimmen.
  • Angst vor Konflikten und Widerspruch: Aus panischer Angst, die Unterstützung oder Zuneigung einer Person zu verlieren, stimmen sie deren Meinung fast immer zu – selbst wenn sie im Recht sind oder die andere Person offensichtlich falsch liegt.
  • Mangelnde Eigeninitiative: Es fällt ihnen schwer, Projekte oder Aufgaben selbstständig zu beginnen. Dies liegt nicht an mangelnder Energie, sondern an einem extremen Mangel an Vertrauen in die eigene Urteilskraft oder die eigenen Fähigkeiten.
  • Ausleben von Unzumutbarem: Um die Zuneigung und Versorgung anderer nicht zu gefährden, tun Betroffene Dinge, die unangenehm, erniedrigend oder ausbeuterisch sind. Sie verbleiben nicht selten jahrelang in toxischen oder missbräuchlichen Beziehungen.
  • Lähmendes Gefühl beim Alleinsein: Sie fühlen sich auf sich allein gestellt hilflos, überfordert und unfähig, für sich selbst zu sorgen.
  • Rasche Folgebeziehungen: Wird eine enge Beziehung beendet (z. B. durch Trennung oder Tod), suchen sie sofort und fast wahllos nach einer neuen Bezugsperson, die die Führung übernimmt.

2. Ursachen: Warum entsteht eine dependente Störung?

Die Entstehung basiert auf einem biopsychosozialen Modell – also einem Zusammenspiel aus biologischen Faktoren und frühkindlicher Prägung:

FaktorAuswirkung / Hintergrund
ErziehungsstilHäufig wuchsen Betroffene bei überfürsorglichen, autoritären oder kontrollierenden Eltern auf. Eigenständiges Verhalten und Autonomie wurden (bewusst oder unbewusst) bestraft oder unterdrückt, während Unselbstständigkeit belohnt wurde („Helikopter-Eltern“). Das Kind lernt: „Allein schaffe ich nichts, ich brauche immer jemanden.“
Biologische VeranlagungEin von Natur aus eher ängstliches, sensibles, harmoniesüchtiges oder schüchternes Temperament (Verhaltenshemmung) kann die Entstehung begünstigen.
Frühe KrankheitenChronische körperliche Erkrankungen in der Kindheit, die eine tatsächliche, intensive Pflege und Abhängigkeit von den Eltern erforderten, erhöhen das statistische Risiko für die spätere Entwicklung der Störung.

3. Diagnose und Abgrenzung (Differenzialdiagnose)

Die Diagnose wird formell erst ab dem 18. Lebensjahr von Fachärzten oder Psychotherapeuten gestellt. Wichtig ist hierbei die Abgrenzung zu anderen Phänomenen:

  • Kulturelle Faktoren: In einigen Kulturen ist ein hohes Maß an Unterordnung, enger Familienbindung oder Passivität gesellschaftlich erwünscht oder traditionell verankert (insbesondere bei Frauen). Dies darf nicht als Störung fehldiagnostiziert werden.
  • Borderline-Persönlichkeitsstörung: Borderline-Patienten haben ebenfalls extreme Verlustängste. Sie reagieren auf drohende Trennungen jedoch meist mit Wut, emotionaler Instabilität, Impulsivität und Vorwürfen. Dependent Persönlichkeitsgestörte reagieren stattdessen mit Unterwerfung, Beschwichtigung und verstärktem Klammern.
  • Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung: Beide eint das mangelnde Selbstwertgefühl. Der vermeidende Typ geht aus Angst vor Ablehnung aber gar nicht erst in Beziehungen hinein; der dependente Typ klammert sich bedingungslos an eine bestehende Beziehung.

ICD-10

Im ICD-10 wird die abhängige Persönlichkeitsstörung offiziell als Abhängige (asthenische) Persönlichkeitsstörung bezeichnet.

Sie wird unter dem Diagnoseschlüssel F60.7 geführt.

Diagnosekriterien nach ICD-10 (F60.7)

Damit diese Diagnose gestellt werden kann, müssen die allgemeinen Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung erfüllt sein. Zusätzlich müssen mindestens vier der folgenden spezifischen Merkmale oder Verhaltensweisen vorliegen:

  • Abgabe von Entscheidungen: Die Ermunterung oder Erlaubnis an andere, wichtige Entscheidungen für das eigene Leben zu treffen.
  • Unterordnung: Die Unterordnung eigener Bedürfnisse unter die anderer Personen, zu denen eine Abhängigkeit besteht, und unverhältnismäßige Nachgiebigkeit gegenüber deren Wünschen.
  • Mangelnde Ansprüche: Die Unfähigkeit, selbst berechtigte Ansprüche an die Personen zu stellen, von denen man abhängig ist.
  • Hilflosigkeit beim Alleinsein: Ein unbehagliches Gefühl oder Hilflosigkeit, wenn die Person allein ist, aus übertriebener Angst, nicht für sich selbst sorgen zu können.
  • Panische Trennungsangst: Häufige Angst, verlassen zu werden und auf sich selbst angewiesen zu sein.
  • Eingeschränkte Entscheidungsfähigkeit: Eine begrenzte Fähigkeit, Alltagshandscheidungen zu treffen, ohne ein übertriebenes Maß an Ratschlägen und Rückversicherung von anderen einzuholen.

Die Betroffenen neigen außerdem dazu, sich selbst als hilflos, inkompetent und schwach zu erleben. Das Wort „asthenisch“ im ICD-10-Namen leitet sich historisch aus dem Griechischen ab und bedeutet sinngemäß „kraftlos“ oder „schwach“.

Diagnose

Die Diagnose einer abhängigen (dependenten) Persönlichkeitsstörung erfordert einen strukturierten Prozess durch einen erfahrenen Therapeuten oder Psychiater. Da Menschen mit dieser Störung von Natur aus sehr anpassungsfähig und harmoniebedürftig sind, wollen sie im Gespräch oft „alles richtig machen“ und dem Therapeuten gefallen. Das macht eine sorgfältige Diagnostik besonders wichtig, um nicht nur die Oberfläche zu sehen.

Der Diagnoseweg gliedert sich in mehrere Phasen:

1. Die allgemeinen Voraussetzungen

Bevor die spezifischen Symptome der Abhängigkeit geprüft werden, müssen die allgemeinen Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung vorliegen:

  • Stabilität: Das Verhalten zieht sich als festes Muster durch das gesamte Erwachsenenleben (keine kurze Phase).
  • Beginn: Die Auffälligkeiten haben ihren Ursprung in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter.
  • Leidensdruck oder Einschränkung: Der Betroffene leidet stark unter seinen Ängsten, oder das Verhalten schränkt ihn im Alltag (z. B. im Beruf durch Unselbstständigkeit) massiv ein.
  • Alter: Die Diagnose wird in der Regel erst ab dem 18. Lebensjahr gestellt.

2. Diagnostische Methoden in der Praxis

Ein Behandler verlässt sich bei der Diagnose auf ein Zusammenspiel aus verschiedenen Informationsquellen:

Das strukturierte klinische Interview

Das wichtigste Werkzeug ist ein gezieltes Gespräch anhand standardisierter Leitfäden (wie dem SKID-5-AM für das DSM-5 oder dem entsprechenden Interview für das ICD-10). Der Therapeut stellt dabei Fragen, die das Ausmaß der Unselbstständigkeit greifbar machen, wie zum Beispiel:

  • „Fällt es Ihnen schwer, alltägliche Entscheidungen zu treffen, ohne vorher andere um Rat zu fragen?“
  • „Haben Sie schon einmal eine eigene Meinung verschwiegen, weil Sie Angst hatten, die andere Person könnte sich von Ihnen abwenden?“
  • „Wie fühlen Sie sich, wenn Sie für längere Zeit ganz auf sich allein gestellt sind?“

Fragebögen (Testpsychologie)

Ergänzend füllt der Patient Fragebögen aus, die Auskunft über Persönlichkeitsstile und das Selbstwertgefühl geben. Häufig genutzt werden:

  • PSSI (Persönlichkeits-Stil-und-Störungs-Inventar)
  • MMPI (Minnesota Multiphasic Personality Inventory)

Fremdanamnese (Umfeldberichte)

Da Betroffene sich selbst oft als schlicht „hilflos“ oder „schwach“ wahrnehmen, ist – sofern der Patient einwilligt – der Bericht von engen Bezugspersonen (Partner, Eltern) sehr wertvoll. Sie können beschreiben, wie stark die Unterordnung im Alltag tatsächlich ausgeprägt ist.

3. Differenzialdiagnose: Was muss ausgeschlossen werden?

Die größte Herausforderung für den Diagnostiker ist es, die abhängige Persönlichkeitsstörung von anderen psychischen Erkrankungen abzugrenzen, die ähnlich aussehen:

  • Borderline-Persönlichkeitsstörung: Beide Störungen haben panische Angst vor dem Verlassenwerden. Der Unterschied: Borderline-Patienten reagieren auf Trennungen oft mit extremer Wut, Impulsivität, Vorwürfen und emotionalen Wechselbädern („Ich hasse dich – verlass mich nicht“). Abhängige Personen reagieren stattdessen mit sofortiger Unterwerfung, Beschwichtigung und verstärktem Klammern.
  • Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung: Beide Typen fühlen sich minderwertig und unsicher. Der Unterschied: Der vermeidende Typ zieht sich aus Angst vor Ablehnung komplett aus sozialen Kontakten zurück. Der abhängige Typ sucht dagegen unbedingt die Nähe und klammert sich an eine Bezugsperson.
  • Eine akute Depression: In einer schweren depressiven Phase fühlen sich Menschen oft entscheidungsunfähig, schwach und hilflos. Der Unterschied: Bei einer Depression ist dies ein vorübergebender Zustand (Episoden), während das Verhalten bei der abhängigen Persönlichkeitsstörung das gesamte Leben über stabil vorhanden ist.
  • Kulturelle Prägungen: In einigen Kulturen oder traditionellen Familienstrukturen ist ein hohes Maß an familiärer Abhängigkeit, Passivität oder Unterordnung (insbesondere bei Frauen) gesellschaftlich normal oder erwünscht. Wenn das Verhalten primär kulturell begründet ist und keinen inneren, pathologischen Konflikt darstellt, darf keine Störung diagnostiziert werden.

Behandlung

Die Behandlung der abhängigen (dependenten) Persönlichkeitsstörung verläuft in der Regel sehr erfolgreich. Da die Betroffenen stark unter ihren Trennungsängsten und ihrer gefühlten Hilflosigkeit leiden, bringen sie eine hohe Motivation für eine Psychotherapie mit.

Das übergeordnete Ziel der Behandlung ist das Erreichen von Autonomie und Selbstvertrauen. Der Patient soll lernen, eigene Entscheidungen zu treffen, Wünsche zu äußern und Unabhängigkeit nicht mehr als Bedrohung, sondern als Befreiung zu erleben.

1. Die größte Hürde: Die Übertragungsfalle in der Therapie

Menschen mit dieser Störung neigen dazu, ihr klammerndes Verhalten sofort auf den Therapeuten zu übertragen. Sie versuchen unbewusst, die Verantwortung für ihr Leben abzugeben, und fragen oft nach direkten Anweisungen („Was soll ich tun?“, „Sagen Sie mir, was richtig ist“).

Die therapeutische Kernaufgabe: Ein erfahrener Behandler verweigert diese Führung konsequent, aber empathisch. Würde der Therapeut die Entscheidungen für den Patienten übernehmen, würde er die Störung nur weiter verstärken. Stattdessen wird die Verantwortung systematisch und in kleinen Portionen an den Patienten zurückgegeben.

2. Psychotherapeutische Ansätze

Die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) gilt hier als der effektivste Ansatz, da sie direkt am Verhalten und den blockierenden Gedanken ansetzt.

Kognitive Umstrukturierung (Gedanken verändern)

Gemeinsam werden die tief sitzenden, automatischen Denkmuster aufgedeckt, die die Abhängigkeit füttern. Typische Glaubenssätze werden hinterfragt und realistisch umformuliert:

  • Alt: „Wenn ich alleine bin, bin ich völlig hilflos und gehe unter.“
  • Neu: „Allein zu sein ist manchmal ungemütlich, aber ich besitze alle Fähigkeiten, um meinen Alltag zu bewältigen.“
  • Alt: „Ich muss immer zustimmen, sonst verlässt mich mein Partner.“
  • Neu: „In einer gesunden Beziehung darf ich eine eigene Meinung haben. Meinungen zu teilen bedeutet nicht das Ende der Liebe.“

Verhaltenstraining und Übungen im Alltag

Der Patient erprobt im geschützten Rahmen und später im echten Leben neue Verhaltensweisen:

  • Autonomie-Übungen: Der Patient muss bewusst alltägliche Entscheidungen (z. B. Verträge abschließen, Anschaffungen machen, Freizeit gestalten) völlig allein und ohne Rückversicherung bei Dritten treffen.
  • Assertivitäts- und Behauptungstraining: Es wird gelernt, eigene Bedürfnisse klar zu formulieren, berechtigte Kritik zu äußern und das Wort „Nein“ zu benutzen.
  • Konflikte aushalten: Der Patient macht in Rollenspielen die Erfahrung, dass ein Widerspruch oder ein kleiner Streit nicht sofort dazu führt, dass eine Beziehung zerbricht.

3. Das Behandlungssetting: Einzel- oder Gruppe?

Beide Formen haben in der Behandlung ihren festen Platz und werden idealerweise kombiniert:

  • Einzeltherapie: Dient dem Aufbau einer sicheren therapeutischen Beziehung und der Bearbeitung von tiefer liegenden Ängsten oder Traumata (z. B. durch den Erziehungsstil der Eltern).
  • Gruppentherapie: Ist für dependente Patienten ein hervorragendes Übungsfeld. In einer Gruppe können sie lernen, sich gegenüber anderen zu behaupten, eigene Interessen zu vertreten und Feedback von Gleichgesinnten zu erhalten. Zudem sehen sie, dass sie mit ihren Ängsten nicht allein sind.

4. Medikamentöse Unterstützung

Es gibt kein Medikament gegen eine abhängige Persönlichkeitsstörung. Eine medikamentöse Therapie kommt nur dann kurzfristig oder begleitend zum Einsatz, wenn die Störung zu schweren Begleiterkrankungen führt:

  • Antidepressiva (SSRI): Werden eingesetzt, wenn der Patient (häufig nach einer Trennung) in eine schwere depressive Episode stürzt oder unter massiven, chronischen Angstzuständen leidet.
  • Beruhigungsmittel (Benzodiazepine): Sollten wegen des extrem hohen psychischen Abhängigkeitsrisikos strikt vermieden werden. Da Betroffene ohnehin dazu neigen, Erleichterung im Außen zu suchen, ist die Suchtgefahr hier besonders drastisch.

5. Prognose

Die Chancen auf eine erfolgreiche Bewältigung der Störung stehen sehr gut. Da die therapeutische Arbeitsbeziehung meist harmonisch verläuft, brechen Betroffene Therapien selten ab. Im Laufe der Behandlung gelingt es den meisten Patienten, ein gesundes Selbstwertgefühl aufzubauen, wodurch sie stabiler, entscheidungsfreudiger und letztendlich freier in ihren Beziehungen werden.