Bulimie

Informieren Sie sich umfassend über Bulimie, ihre Symptome und Auswirkungen.

Bulimie, auch Ess-Brech-Sucht genannt, ist eine Essstörung. Betroffene erleben wiederkehrende Essanfälle mit Kontrollverlust. Danach versuchen sie, eine Gewichtszunahme zu verhindern – zum Beispiel durch Erbrechen, Fasten, Abführmittel oder übermäßigen Sport. Häufig entstehen Scham, Schuldgefühle und gesundheitliche Probleme.

Bulimie erklärt

Bulimie, medizinisch Bulimia nervosa und umgangssprachlich „Ess-Brech-Sucht“ genannt, ist eine ernst zu nehmende psychische Erkrankung. Sie gehört zu den Essstörungen und ist durch wiederkehrende Essanfälle mit Kontrollverlust sowie anschließende Maßnahmen zur Vermeidung einer Gewichtszunahme gekennzeichnet.

Essanfälle

Während eines Essanfalls nehmen Betroffene innerhalb kurzer Zeit sehr große Nahrungsmengen zu sich. Dabei erleben sie das Gefühl, nicht mehr kontrollieren zu können, was und wie viel sie essen. Die Anfälle finden häufig heimlich statt.

Nach einem Essanfall treten oft starke Scham, Schuldgefühle, Selbstvorwürfe oder Angst vor einer Gewichtszunahme auf.

Gegenmaßnahmen

Um die aufgenommenen Kalorien auszugleichen, setzen Betroffene unterschiedliche Gegenmaßnahmen ein:

  • selbst herbeigeführtes Erbrechen
  • längeres Fasten oder strenge Diäten
  • übermäßiger Sport
  • Missbrauch von Abführmitteln
  • Einnahme entwässernder Medikamente
  • Missbrauch anderer Medikamente zur Gewichtsregulation

Nicht jede Person mit Bulimie erbricht sich. Auch Fasten, Medikamente oder übermäßige Bewegung können als Gegenmaßnahmen eingesetzt werden.

Typischer Kreislauf

Häufig entwickelt sich ein sich wiederholender Kreislauf:

  • Strenge Essensregeln oder längere Hungerphasen erhöhen den körperlichen und psychischen Druck.
  • Es kommt zu einem Essanfall mit Kontrollverlust.
  • Anschließend entstehen Angst, Scham und Schuldgefühle.
  • Die betroffene Person versucht, den Essanfall auszugleichen.
  • Danach werden erneut strenge Essensregeln aufgestellt, wodurch ein weiterer Essanfall wahrscheinlicher werden kann.

Dieser Kreislauf kann das Denken und den Alltag zunehmend bestimmen.

Körpergewicht und Erkennbarkeit

Menschen mit Bulimie sind häufig normalgewichtig. Deshalb ist die Erkrankung äußerlich oft nicht erkennbar. Das Körpergewicht kann jedoch schwanken.

Betroffene verheimlichen ihr Verhalten häufig aus Scham. Nach außen wirken sie möglicherweise kontrolliert und führen einen scheinbar normalen Alltag, obwohl sie innerlich stark unter ihrer Erkrankung leiden.

Ursachen und Risikofaktoren

Bulimie hat keine einzelne Ursache. Meist wirken verschiedene biologische, psychische, familiäre und gesellschaftliche Faktoren zusammen. Dazu können gehören:

  • geringes Selbstwertgefühl
  • starke Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper
  • große Angst vor einer Gewichtszunahme
  • häufige Diäten und strenge Essensregeln
  • Schwierigkeiten beim Umgang mit Gefühlen
  • Perfektionismus und hoher Leistungsdruck
  • belastende oder traumatische Erlebnisse
  • Konflikte, Einsamkeit und Stress
  • familiäre Veranlagung
  • gesellschaftliche Schönheitsideale
  • Vergleiche in sozialen Medien

Die einzelnen Faktoren führen nicht zwangsläufig zu einer Essstörung. Das Risiko kann jedoch steigen, wenn mehrere Belastungen zusammenkommen.

Psychische Folgen

Bulimie kann die seelische Gesundheit stark beeinträchtigen. Mögliche Folgen sind:

  • Scham und Schuldgefühle
  • ein negatives Körperbild
  • geringes Selbstwertgefühl
  • sozialer Rückzug
  • Konzentrationsprobleme
  • depressive Beschwerden
  • Angststörungen
  • zwanghaftes Verhalten
  • Selbstverletzungen oder Suizidgedanken
  • Missbrauch von Alkohol, Medikamenten oder anderen Substanzen

Viele Betroffene beschäftigen sich ständig mit Essen, Gewicht und Figur. Dadurch können Schule, Ausbildung, Beruf, Beziehungen und Freizeit erheblich beeinträchtigt werden.

Körperliche Folgen

Besonders häufiges Erbrechen kann schwere gesundheitliche Schäden verursachen:

  • Zahnschmelzschäden und Karies durch Magensäure
  • Entzündungen im Mund- und Rachenraum
  • Schädigungen der Speiseröhre
  • Sodbrennen und Magenbeschwerden
  • vergrößerte oder entzündete Speicheldrüsen
  • Störungen des Salz- und Wasserhaushalts
  • Kaliummangel
  • Kreislaufprobleme
  • Muskelschwäche und Krämpfe
  • Nierenschäden
  • Herzrhythmusstörungen

Herzrhythmusstörungen infolge eines starken Mineralstoffmangels können lebensgefährlich sein. Der Missbrauch von Abführmitteln und entwässernden Medikamenten kann zusätzliche Darm-, Nieren- und Kreislaufprobleme verursachen.

Unterschied zu anderen Essstörungen

Bei der Binge-Eating-Störung treten ebenfalls Essanfälle mit Kontrollverlust auf. Es folgen jedoch normalerweise keine regelmäßigen Gegenmaßnahmen zur Vermeidung einer Gewichtszunahme.

Bei der Magersucht steht eine starke Einschränkung der Nahrungsaufnahme mit deutlichem Gewichtsverlust im Vordergrund. Manche Menschen mit Magersucht erleben ebenfalls Essanfälle und setzen anschließend Gegenmaßnahmen ein. Die Abgrenzung erfolgt dann unter anderem anhand des Körpergewichts und des gesamten Krankheitsbildes.

Die Übergänge zwischen verschiedenen Essstörungen können fließend sein. Eine Essstörung kann sich im Verlauf verändern oder in eine andere Form übergehen.

Umgang mit der Erkrankung

Bulimie ist keine Charakterschwäche und kein Zeichen mangelnder Disziplin. Sie ist eine psychische Erkrankung, die behandelt werden kann. Geeignete Anlaufstellen sind Hausarztpraxen, psychotherapeutische Praxen, spezialisierte Einrichtungen und Beratungsstellen für Essstörungen.

Bei Kreislaufzusammenbruch, Blut im Erbrochenen, starken Brustschmerzen, Herzrhythmusstörungen oder akuter Selbstgefährdung ist sofortige medizinische Hilfe notwendig.

Quellen:

Bulimie-Statistik in Deutschland

Bulimie ist seltener als die Binge-Eating-Störung, aber häufiger als Magersucht. Genaue Zahlen sind schwer zu bestimmen, weil viele Betroffene ihre Erkrankung aus Scham verheimlichen und keine professionelle Hilfe aufsuchen.

Statistische AngabeHäufigkeit
Erwachsene in Deutschland, die innerhalb eines Jahres betroffen sindetwa 0,2 %
Frauen mit Bulimie innerhalb eines Jahresetwa 0,3 %
Männer mit Bulimie innerhalb eines Jahresetwa 0,1 %
Umgerechnet auf die erwachsene Bevölkerungungefähr 2 von 1.000 Menschen
Erkrankung im Laufe des Lebensungefähr 15 von 1.000 Menschen
Mädchen und Frauen mit Bulimie im Laufe des Lebensungefähr 19 von 1.000 beziehungsweise 1,9 %
Jungen und Männer mit Bulimie im Laufe des Lebensungefähr 6 von 1.000 beziehungsweise 0,6 %
Stationäre Behandlungsfälle wegen Bulimie im Jahr 2023rund 1.300 Fälle
Anteil der Bulimie an allen stationär behandelten Essstörungen 202311,1 %

Unterschiede zwischen Frauen und Männern

Frauen sind den verfügbaren Zahlen zufolge häufiger betroffen als Männer. Die deutsche DEGS1-MH-Studie ermittelte für Frauen eine 12-Monats-Häufigkeit von ungefähr 0,3 Prozent und für Männer von 0,1 Prozent.

Bulimie kann jedoch bei Menschen jedes Geschlechts auftreten. Bei Jungen und Männern wird sie möglicherweise häufiger übersehen, weil Essstörungen gesellschaftlich oft als überwiegend weibliche Erkrankungen wahrgenommen werden.

Betroffene Altersgruppen

Bulimie beginnt häufig im Jugendalter oder im jungen Erwachsenenalter. In dieser Lebensphase verändern sich Körper, Selbstbild und soziale Beziehungen besonders stark. Gleichzeitig können Leistungsdruck, Schönheitsideale und häufige Diäten eine Rolle spielen.

Die Erkrankung kann aber auch bei Kindern, älteren Erwachsenen und Menschen auftreten, die äußerlich nicht dem typischen Bild einer Essstörung entsprechen.

Krankenhausbehandlungen

Im Jahr 2023 wurden in Deutschland insgesamt rund 12.100 stationäre Behandlungsfälle wegen Essstörungen registriert. Bei etwa 1.300 dieser Fälle wurde Bulimie festgestellt. Damit entfielen 11,1 Prozent der stationären Behandlungen auf Bulimie.

Diese Zahl zeigt jedoch nicht, wie viele Menschen insgesamt erkrankt waren. Die meisten Betroffenen werden ambulant behandelt oder suchen keine professionelle Hilfe. Außerdem kann eine Person innerhalb eines Jahres mehrfach stationär aufgenommen und dadurch mehrfach gezählt werden.

Warum unterscheiden sich die Angaben?

Statistische Angaben zur Bulimie können aus mehreren Gründen voneinander abweichen:

  • Manche Zahlen beziehen sich auf ein Jahr, andere auf die gesamte Lebenszeit.
  • Die untersuchten Altersgruppen unterscheiden sich.
  • Studien verwenden unterschiedliche Diagnosekriterien.
  • Nicht alle Erkrankten nehmen medizinische Hilfe in Anspruch.
  • Heimliche Essanfälle und Gegenmaßnahmen erschweren die Erfassung.
  • Krankenhausstatistiken erfassen nur stationäre Behandlungen.
  • Einige Lebenszeitangaben beruhen auf internationalen Studien und nicht ausschließlich auf deutschen Daten.

Deshalb sollten die Zahlen als wissenschaftliche Schätzungen verstanden werden. Die tatsächliche Zahl der Betroffenen könnte höher liegen.

Quellen:

Bulimie nach ICD-10

Die ICD-10 ist ein internationales System zur Einteilung und Verschlüsselung von Krankheiten. Bulimie gehört zum Bereich der Essstörungen und wird unter folgendem Code eingeordnet:

F50.2 – Bulimia nervosa

Die Erkrankung wird auch als Ess-Brech-Sucht bezeichnet.

Merkmale nach ICD-10

Bulimie ist durch wiederkehrende Essanfälle gekennzeichnet. Während dieser Anfälle werden innerhalb kurzer Zeit große Mengen Nahrung aufgenommen. Betroffene erleben dabei einen Kontrollverlust und haben das Gefühl, das Essen nicht beenden oder begrenzen zu können.

Typische Merkmale sind:

  • wiederkehrende Essanfälle
  • ständige Beschäftigung mit Essen
  • starkes Verlangen nach Nahrung
  • Kontrollverlust während des Essens
  • große Angst vor einer Gewichtszunahme
  • übermäßige Bedeutung von Körpergewicht und Figur
  • regelmäßige Maßnahmen zum Ausgleich der aufgenommenen Nahrung

Gegenmaßnahmen

Nach den Essanfällen versuchen Betroffene, eine Gewichtszunahme zu verhindern. Dazu können gehören:

  • selbst herbeigeführtes Erbrechen
  • längeres Fasten
  • Missbrauch von Abführmitteln
  • Einnahme entwässernder Medikamente
  • Verwendung von Appetitzüglern
  • übermäßige körperliche Bewegung

Nicht alle Menschen mit Bulimie erbrechen sich. Auch andere gewichtsregulierende Maßnahmen können für die Erkrankung kennzeichnend sein.

Körpergewicht

Menschen mit Bulimie sind häufig normalgewichtig. Deshalb ist die Erkrankung äußerlich oft nicht erkennbar. Das Selbstwertgefühl wird jedoch stark von Figur und Körpergewicht beeinflusst.

Manche Betroffene hatten vor der Bulimie bereits eine Phase mit Magersucht oder deutlich eingeschränktem Essverhalten.

Atypische Bulimie

Wenn nicht sämtliche Merkmale einer klassischen Bulimie erfüllt sind, das Krankheitsbild aber deutlich einer Bulimie ähnelt, kann folgender Code verwendet werden:

F50.3 – Atypische Bulimia nervosa

Bei einer atypischen Bulimie können beispielsweise Essanfälle und Gegenmaßnahmen auftreten, während einzelne diagnostische Merkmale fehlen oder weniger stark ausgeprägt sind.

Abgrenzung zu anderen ICD-10-Codes

  • F50.0 – Anorexia nervosa: Stark eingeschränkte Nahrungsaufnahme und deutliches Untergewicht stehen im Vordergrund.
  • F50.2 – Bulimia nervosa: Essanfälle mit regelmäßigen Gegenmaßnahmen.
  • F50.3 – Atypische Bulimia nervosa: Bulimieähnliches Krankheitsbild, das nicht alle Merkmale erfüllt.
  • F50.8 – Sonstige Essstörungen: Andere näher bestimmbare Formen von Essstörungen.
  • F50.9 – Nicht näher bezeichnete Essstörung: Keine genauere Zuordnung möglich.

Auf ambulanten ärztlichen Dokumenten kann der Code durch ein Zusatzzeichen ergänzt werden:

  • G: gesicherte Diagnose
  • V: Verdachtsdiagnose
  • A: ausgeschlossene Diagnose
  • Z: Zustand nach der Erkrankung

Beispielsweise bedeutet F50.2 G, dass eine Bulimia nervosa als gesicherte Diagnose dokumentiert wurde.

Quellen:

Diagnoseverfahren bei Bulimie

Die Diagnose einer Bulimie wird durch ärztliches oder psychotherapeutisches Fachpersonal gestellt. Einen einzelnen Bluttest oder ein anderes Verfahren, das die Erkrankung allein nachweist, gibt es nicht. Die Diagnose beruht auf einem ausführlichen Gespräch, festgelegten Diagnosemerkmalen und einer körperlichen Untersuchung.

1. Erstgespräch und Krankengeschichte

Zu Beginn wird die persönliche Krankengeschichte erhoben. Das Gespräch findet vertraulich statt. Dabei können folgende Fragen gestellt werden:

  • Wie häufig treten Essanfälle auf?
  • Welche Mengen werden dabei ungefähr gegessen?
  • Besteht währenddessen ein Kontrollverlust?
  • Seit wann treten die Essanfälle auf?
  • Wird anschließend absichtlich erbrochen?
  • Werden Abführmittel, Appetitzügler oder entwässernde Medikamente eingenommen?
  • Wird nach einem Essanfall gefastet oder übermäßig Sport getrieben?
  • Wie wichtig sind Körpergewicht und Figur für das Selbstwertgefühl?
  • Besteht eine starke Angst vor einer Gewichtszunahme?
  • Gab es früher eine Magersucht oder andere Essstörung?
  • Treten Depressionen, Ängste, Selbstverletzungen oder Suizidgedanken auf?

Da viele Betroffene ihr Verhalten aus Scham verheimlichen, ist eine vertrauensvolle und nicht wertende Gesprächsatmosphäre besonders wichtig.

2. Überprüfung der Diagnosemerkmale

Für eine Bulimie sprechen insbesondere:

  • wiederkehrende Essanfälle mit Kontrollverlust
  • Aufnahme großer Nahrungsmengen innerhalb kurzer Zeit
  • regelmäßige Gegenmaßnahmen zur Vermeidung einer Gewichtszunahme
  • starke Beschäftigung mit Essen, Gewicht und Figur
  • große Angst vor dem Dickwerden
  • übermäßiger Einfluss des Körpergewichts auf das Selbstwertgefühl

Zu den Gegenmaßnahmen zählen Erbrechen, Fasten, übermäßige Bewegung und der Missbrauch von Abführmitteln, entwässernden Medikamenten oder Appetitzüglern.

Nach den klassischen Kriterien der ICD-10 treten die Essanfälle und Gegenmaßnahmen durchschnittlich mindestens zweimal pro Woche über einen Zeitraum von drei Monaten auf. Neuere Klassifikationssysteme verwenden teilweise eine niedrigere Häufigkeitsgrenze.

3. Fragebögen und strukturierte Interviews

Standardisierte Fragebögen und diagnostische Interviews können die Untersuchung unterstützen. Sie erfassen beispielsweise:

  • Häufigkeit der Essanfälle
  • Art und Häufigkeit der Gegenmaßnahmen
  • Kontrollverlust beim Essen
  • Gedanken über Körper und Gewicht
  • Scham und Leidensdruck
  • depressive oder ängstliche Beschwerden

Ein Fragebogen oder Online-Selbsttest reicht für eine sichere Diagnose nicht aus. Die Ergebnisse müssen von einer qualifizierten Fachperson ausgewertet werden.

4. Körperliche Untersuchung

Da Erbrechen und Medikamentenmissbrauch schwere körperliche Folgen verursachen können, gehört eine ärztliche Untersuchung zum Diagnoseverfahren. Dazu können gehören:

  • Messung von Körpergröße und Gewicht
  • Berechnung des Body-Mass-Index
  • Blutdruck- und Pulsmessung
  • Untersuchung von Mund, Rachen und Speicheldrüsen
  • Beurteilung der Zähne und des Zahnschmelzes
  • Untersuchung von Herz, Kreislauf und Bauch

Ein normales Körpergewicht schließt Bulimie nicht aus. Viele Betroffene sind normalgewichtig, weshalb die Erkrankung äußerlich oft nicht erkannt wird.

5. Laboruntersuchungen

Eine Blut- oder Urinuntersuchung kann mögliche körperliche Folgen feststellen. Untersucht werden können:

  • Kalium und andere Elektrolyte
  • Flüssigkeits- und Salzhaushalt
  • Nierenwerte
  • Leberwerte
  • Blutzucker
  • Säure-Basen-Haushalt
  • gegebenenfalls weitere Blutwerte

Besonders ein starker Kaliummangel kann Herzrhythmusstörungen verursachen und lebensgefährlich werden.

6. Untersuchung des Herzens

Bei häufigem Erbrechen, starkem Abführmittelmissbrauch, Kreislaufbeschwerden oder auffälligen Blutwerten kann ein Elektrokardiogramm durchgeführt werden. Damit werden Herzrhythmus und elektrische Herzaktivität kontrolliert.

7. Erfassung psychischer Begleiterkrankungen

Zusätzlich wird geprüft, ob weitere psychische Erkrankungen oder Belastungen bestehen, zum Beispiel:

  • Depressionen
  • Angststörungen
  • Zwangsstörungen
  • Selbstverletzungen
  • Suizidgedanken
  • Alkohol- oder Drogenprobleme
  • traumatische Erfahrungen
  • Persönlichkeitsstörungen

Diese Beschwerden können den Verlauf und das gesundheitliche Risiko beeinflussen.

8. Abgrenzung zu anderen Erkrankungen

Die Beschwerden müssen von anderen Essstörungen und körperlichen Erkrankungen unterschieden werden:

  • Magersucht mit Essanfällen: Es besteht ein für Alter und Körpergröße deutlich zu niedriges Gewicht.
  • Binge-Eating-Störung: Essanfälle treten ohne regelmäßige Gegenmaßnahmen auf.
  • Atypische Bulimie: Das Krankheitsbild ähnelt einer Bulimie, erfüllt aber nicht sämtliche Kriterien.
  • Körperliche Erkrankungen: Magen-Darm-, Stoffwechsel- oder Hormonerkrankungen können das Essverhalten beeinflussen.
  • Medikamentenwirkungen: Bestimmte Medikamente können den Appetit verändern oder Übelkeit und Erbrechen auslösen.

Wer stellt die Diagnose?

Eine erste Anlaufstelle kann die Hausarztpraxis sein. Die Diagnose kann außerdem durch Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie, Psychosomatik oder Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie durch Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten gestellt werden.

Die körperlichen Folgen müssen ärztlich untersucht werden. Bei Blut im Erbrochenen, Ohnmacht, starken Brustschmerzen, Herzrhythmusstörungen oder akuter Selbstgefährdung ist sofortige medizinische Hilfe erforderlich.

Quellen:

Behandlungsverfahren bei Bulimie

Bulimie ist behandelbar. Die Behandlung richtet sich nach der Schwere der Erkrankung, den körperlichen Folgen, möglichen Begleiterkrankungen und der persönlichen Lebenssituation. Das wichtigste Behandlungsverfahren ist die Psychotherapie.

Ziele der Behandlung

Die Behandlung soll:

  • Essanfälle und Gegenmaßnahmen reduzieren,
  • regelmäßiges Essen ermöglichen,
  • Erbrechen, Fasten und Medikamentenmissbrauch beenden,
  • Auslöser der Essanfälle erkennen,
  • den Umgang mit belastenden Gefühlen verbessern,
  • übermäßige Gewichts- und Figursorgen verringern,
  • das Selbstwertgefühl stärken,
  • körperliche Folgen behandeln und
  • Rückfällen vorbeugen.

1. Kognitive Verhaltenstherapie

Die kognitive Verhaltenstherapie ist das am besten untersuchte psychotherapeutische Verfahren bei Bulimie und gilt als Behandlung der ersten Wahl.

Zunächst werden die Essanfälle und Gegenmaßnahmen gemeinsam untersucht. Dabei können Essprotokolle eingesetzt werden, in denen Mahlzeiten, Gefühle, Gedanken und besondere Situationen festgehalten werden.

Bestandteile der Therapie sind:

  • Aufbau regelmäßiger Mahlzeiten und Zwischenmahlzeiten
  • Verzicht auf strenge Diäten und lange Hungerphasen
  • Erkennen persönlicher Auslöser
  • Veränderung problematischer Gedanken über Figur und Gewicht
  • Entwicklung anderer Möglichkeiten zur Gefühlsregulation
  • schrittweiser Abbau von Erbrechen und anderen Gegenmaßnahmen
  • Verbesserung von Selbstwert und Körperbild
  • Vorbereitung auf mögliche Rückfälle

Die Therapie kann als Einzel- oder Gruppentherapie stattfinden.

2. Angeleitete Selbsthilfe

Bei weniger schwer ausgeprägter Bulimie kann zunächst eine angeleitete Selbsthilfe angeboten werden. Die betroffene Person arbeitet mit einem wissenschaftlich entwickelten Buch oder Onlineprogramm. Eine therapeutische Fachperson begleitet den Prozess durch regelmäßige Gespräche und Rückmeldungen.

Die Programme beruhen meistens auf der kognitiven Verhaltenstherapie. Reicht die Selbsthilfe nicht aus, sollte eine umfassendere Psychotherapie erfolgen. Reine Selbsthilfe ohne fachliche Begleitung ist bei starken Beschwerden oder körperlichen Risiken nicht ausreichend.

3. Andere Psychotherapieverfahren

Wenn eine kognitive Verhaltenstherapie nicht verfügbar, nicht gewünscht oder nicht erfolgreich ist, können andere Verfahren infrage kommen:

  • Interpersonelle Psychotherapie: Beschäftigt sich besonders mit Konflikten, Beziehungen, Verlusten und sozialen Belastungen.
  • Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie: Untersucht innere Konflikte und frühere Erfahrungen, die das heutige Essverhalten beeinflussen.
  • Psychodynamische Therapie: Bearbeitet wiederkehrende Gefühls- und Beziehungsmuster.

Welches Verfahren geeignet ist, wird individuell mit der behandelnden Fachperson entschieden.

4. Ernährungsbezogene Unterstützung

Eine qualifizierte Ernährungsberatung kann die Psychotherapie ergänzen. Sie ist jedoch normalerweise keine alleinige Behandlung.

Im Mittelpunkt stehen:

  • regelmäßige und ausreichende Mahlzeiten,
  • der Abbau starrer Essensregeln,
  • ein besseres Verständnis von Hunger und Sättigung,
  • ein angemessener Umgang mit bisher verbotenen Lebensmitteln und
  • die Vermeidung längerer Hungerphasen.

Strenge Diäten können neue Essanfälle begünstigen und sollten daher nicht ohne fachliche Begleitung durchgeführt werden.

5. Medizinische Behandlung und Überwachung

Erbrechen sowie der Missbrauch von Abführmitteln oder entwässernden Medikamenten können den Flüssigkeits- und Mineralstoffhaushalt gefährlich verändern. Deshalb ist eine regelmäßige ärztliche Kontrolle wichtig.

Dazu können gehören:

  • Blutuntersuchungen und Kontrolle der Elektrolyte
  • Überprüfung der Nierenwerte
  • Blutdruck- und Pulsmessung
  • Kontrolle des Körpergewichts
  • Elektrokardiogramm bei erhöhtem Herzrisiko
  • zahnärztliche Untersuchungen
  • Behandlung von Magen-, Speiseröhren- und Zahnschäden

Starke Elektrolytstörungen, Austrocknung, Herzrhythmusstörungen oder Organschäden müssen sofort medizinisch behandelt werden.

6. Medikamentöse Behandlung

Medikamente können die Psychotherapie ergänzen, sollen sie aber normalerweise nicht ersetzen. Bestimmte Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer können den Essdruck sowie die Häufigkeit von Essanfällen und Gegenmaßnahmen verringern.

Fluoxetin ist in Deutschland zur ergänzenden Behandlung der Bulimie bei Erwachsenen zugelassen. Die Entscheidung über den Einsatz und die Dosierung trifft eine Ärztin oder ein Arzt. Dabei werden mögliche Nebenwirkungen, andere Erkrankungen und Wechselwirkungen berücksichtigt.

Auch psychische Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen können eine zusätzliche medikamentöse oder psychotherapeutische Behandlung erfordern.

7. Behandlung von Kindern und Jugendlichen

Bei Kindern und Jugendlichen soll die Behandlung an den Entwicklungsstand angepasst werden. Eltern oder andere wichtige Bezugspersonen können einbezogen werden, sofern dies hilfreich und im Interesse der betroffenen Person ist.

Die Familie kann dabei unterstützen:

  • regelmäßige Mahlzeiten zu ermöglichen,
  • Konflikte rund um Essen zu reduzieren,
  • Warnzeichen frühzeitig zu erkennen und
  • die therapeutischen Veränderungen im Alltag umzusetzen.

8. Ambulante Behandlung

Die meisten Menschen mit Bulimie können ambulant behandelt werden. Dabei finden regelmäßige Termine in einer psychotherapeutischen oder fachärztlichen Praxis statt. Die betroffene Person bleibt in ihrem gewohnten Umfeld und kann Veränderungen direkt im Alltag erproben.

9. Tagesklinische oder stationäre Behandlung

Eine intensivere Behandlung kann erforderlich sein, wenn:

  • schwere körperliche Folgen bestehen,
  • sehr häufige Essanfälle und Gegenmaßnahmen auftreten,
  • eine ambulante Behandlung nicht ausreicht,
  • schwere Depressionen oder andere Begleiterkrankungen vorliegen,
  • eine akute Selbst- oder Suizidgefährdung besteht oder
  • das häusliche Umfeld die Genesung erheblich erschwert.

In einer Tagesklinik verbringen Betroffene den Tag in der Einrichtung und kehren abends nach Hause zurück. Bei einer stationären Behandlung bleiben sie auch nachts in der Klinik. Dort werden Psychotherapie, medizinische Betreuung, Ernährungsunterstützung sowie Einzel- und Gruppenangebote kombiniert.

10. Rückfallvorbeugung und Nachsorge

Zum Ende der Behandlung wird häufig ein Rückfallplan entwickelt. Darin werden persönliche Warnzeichen, typische Auslöser und hilfreiche Gegenmaßnahmen festgehalten.

Mögliche Bestandteile der Nachsorge sind:

  • weitere psychotherapeutische Gespräche,
  • regelmäßige ärztliche Kontrollen,
  • Selbsthilfegruppen,
  • angeleitete Onlineprogramme und
  • Unterstützung durch vertraute Personen.

Ein erneuter Essanfall bedeutet nicht, dass die Behandlung gescheitert ist. Entscheidend ist, frühzeitig auf Warnzeichen zu reagieren und Unterstützung zu nutzen.

Quellen: