Informationen über Borderline-Persönlichkeitsstörung
Auf dieser Seite klären wir über die Borderline-Persönlichkeitsstörung auf und geben Hilfestellungen.
Borderline-Persönlichkeitsstörung erklärt
Borderline einem Außenstehenden zu erklären, ist gar nicht so einfach, weil die Erkrankung von innen heraus so intensiv ist, für andere aber oft „unlogisch“ oder „übertrieben“ wirkt.
Die besten Erklärungen nutzen Metaphern (Bilder), um das emotionale Erleben greifbar zu machen. Hier sind die drei wirksamsten Ansätze, wie du Borderline anschaulich erklären kannst:
Die Metapher von den „emotionalen Verbrennungen dritten Grades“
Diese Metapher stammt von Marsha Linehan, der Begründerin der erfolgreichsten Borderline-Therapie (DBT). Sie trifft den Kern der Erkrankung am besten:
„Stell dir vor, jemand hat am ganzen Körper schwere Verbrennungen erlitten. Seine Haut ist völlig weggeschmolzen. Wenn du diesen Menschen nun ganz normal am Arm berührst, wird er vor Schmerz aufschreien. Nicht, weil du ihn schlagen wolltest, sondern weil er keine schützende Haut mehr hat.
Borderline-Betroffene sind genau so – nur emotional. Ihnen fehlt die psychische Schutzhaut. Ein kritischer Blick, eine verspätete SMS oder eine kleine Absage fühlen sich für sie so schmerzhaft an wie eine Berührung auf einer offenen Brandwunde.“
Das Bild der kaputten Heizung (Die Thermostat-Metapher)
Gesunde Menschen haben ein psychisches Thermostat, das Gefühle reguliert. Bei Borderline funktioniert diese Regulation nicht richtig.
- Die niedrige Reizschwelle: Während das Thermostat bei gesunden Menschen erst bei einer echten Bedrohung „Heißalarm“ schlägt, springt es bei Borderline schon bei kleinsten Funken an (z. B. wenn der Partner kurz angebunden ist).
- Die extreme Hitze (0 auf 100): Das Gefühl kocht sofort auf 100 Grad hoch. Es gibt kaum ein „Dazwischen“ (wie z. B. ein bisschen verärgert sein). Es ist sofort blinde Wut oder bodenlose Verzweiflung.
- Die lange Abkühlphase: Wenn das Gefühl einmal kocht, bleibt es dort sehr lange. Das Gehirn braucht oft Stunden, um wieder auf Normaltemperatur herunterzukühlen, während andere sich nach 10 Minuten wieder beruhigen.
Das „Schwarz-Weiß-Denken“ (Spaltung) erklären
Für Außenstehende ist es oft am schwersten zu ertragen, dass sie an einem Tag der „beste Mensch der Welt“ und am nächsten Tag der „schlimmste Feind“ sind. Das kann man so erklären:
„Als Kind lernt man, dass die Mama einen ausschimpfen kann, aber einen trotzdem noch liebt. Man fügt das ‚Gute‘ und das ‚Schlechte‘ zu einer Person zusammen. Bei Borderline bricht diese Fähigkeit unter Stress zusammen.
Es gibt dann nur noch Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse. Wenn du nett zu mir bist, bist du perfekt (Weiß). Enttäuschst du mich, schaltet mein Gehirn komplett um: Du bist böse (Schwarz). Mein Gehirn vergisst in diesem Moment der Panik, dass es jemals gute Zeiten mit dir gab. Es ist ein unbewusster Schutzmechanismus vor Verletzung.“
Zusammenfassende Kernpunkte (Für ein kurzes Gespräch)
Wenn du es jemandem in drei Sätzen zusammenfassen willst, kannst du sagen:
- Es ist eine Gefühls-Regulationsstörung: Das Gehirn produziert viel zu intensive Gefühle und kann sie nicht alleine herunterregeln.
- Es ist keine Absicht oder Manipulation: Das Verhalten (wie Impulsivität oder Wut) ist ein oft verzweifelter Versuch, diesen unerträglichen inneren Schmerz zu stoppen.
- Es ist Angst, nicht Bosheit: Hinter fast allen Konflikten steht die tiefe, panische Angst, verlassen und allein gelassen zu werden.
ICD-10
Im ICD-10 (dem bis vor Kurzem weltweit wichtigsten Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen) wird die Borderline-Persönlichkeitsstörung nicht als völlig eigenständige Haupterkrankung aufgeführt, sondern als eine Unterform.
Sie ist dort unter dem Code F60.31 zu finden.
Hier ist die genaue Aufschlüsselung, wie das ICD-10 die Störung einordnet und welche Kriterien erfüllt sein müssen:
Die hierarchische Einordnung im ICD-10
- F60: Spezifische Persönlichkeitsstörungen
- F60.3: Emotionale instabile Persönlichkeitsstörung
- F60.30: Impulsiver Typus
- F60.31: Borderline-Typus
Das bedeutet: Um die Diagnose „Borderline“ (F60.31) zu erhalten, müssen zuerst die allgemeinen Kriterien für eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung (F60.3) erfüllt sein, plus spezifische Borderline-Merkmale.
Diagnose
Damit die Diagnose F60.31 (Borderline-Typus) gestellt werden kann, müssen laut ICD-10 zunächst mindestens drei Merkmale des impulsiven Typs (F60.30) vorliegen:
- Deutliche Tendenz, unerwartet und ohne Berücksichtigung der Konsequenzen zu handeln.
- Ausgeprägte Tendenz zu Streitigkeiten und Konflikten mit anderen (besonders wenn impulsive Handlungen unterbunden werden).
- Neigung zu Ausbrüchen von Wut oder Gewalt, mit Unfähigkeit zur Kontrolle explosiven Verhaltens.
- Schwierigkeiten bei der Beibehaltung von Handlungen, die nicht unmittelbar belohnt werden.
- Unbeständige und launische Stimmung.
ZUSÄTZLICH müssen mindestens zwei der folgenden spezifischen Borderline-Merkmale erfüllt sein:
- Störungen und Unsicherheit bezüglich des Selbstbildes, der Ziele und der inneren Präferenzen (einschließlich sexueller Identität).
- Neigung, sich auf intensive, aber instabile Beziehungen einzulassen, was oft zu emotionalen Krisen führt (Wechsel zwischen extremer Idealisierung und Entwertung).
- Übertriebene Bemühungen, ein Verlassenwerden zu vermeiden.
- Wiederholte Drohungen oder Handlungen mit Selbstverletzung (Ritzen, Verbrennungen) sowie Suizidgedanken oder -versuche.
- Chronisches Gefühl von innerer Leere.
Behandlung
Die Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) hat sich in den letzten Jahrzehnten revolutioniert. Galt die Erkrankung früher noch als schwer behandelbar, ist sie heute durch spezialisierte Therapieverfahren sehr gut und erfolgreich behandelbar.
Die wichtigste Säule der Behandlung ist die Psychotherapie. Medikamente spielen eine untergeordnete Rolle und werden meist nur unterstützend eingesetzt.
Die Psychotherapie (Die wichtigste Säule)
Es gibt verschiedene wissenschaftlich anerkannte Therapieverfahren, die speziell für Borderline entwickelt oder angepasst wurden. Das weltweit erfolgreichste und am besten erforschte Verfahren ist die DBT.
Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT)
Entwickelt von der Psychologin Marsha Linehan (die selbst Betroffene war), kombiniert die DBT klassische Verhaltenstherapie mit achtsamkeitsbasierten Ansätzen aus dem Zen-Buddhismus. Das Wort „dialektisch“ steht hier für das Auflösen von Gegensätzen: Akzeptanz (der Patient ist gut so, wie er ist) und Veränderung (er muss lernen, sich anders zu verhalten) werden miteinander verbunden.
Die DBT basiert auf vier Bausteinen:
- Einzeltherapie: Aufarbeitung von Traumata, aktuellen Krisen und dem Verstehen von Verhaltensmustern.
- Skills-Gruppe (Fertigkeitentraining): Ein strukturiertes Gruppentraining, in dem fünf Bereiche gelernt werden:
- Achtsamkeit: Gefühle und Stress rechtzeitig wahrnehmen, ohne sie sofort zu bewerten.
- Stresstoleranz: Den extremen Druck in Krisen mit „Skills“ (Eis, scharfe Reize) abfangen, ohne sich selbst zu verletzen.
- Emotionsregulation: Gefühle verstehen, benennen und langfristig abschwächen.
- Zwischenmenschliche Fertigkeiten: Beziehungen stabil gestalten, Grenzen setzen, Wünsche äußern.
- Selbstwert: Den chronischen Selbsthass abbauen und Selbstakzeptanz lernen.
- Telefoncoaching: Der Therapeut ist in akuten Krisen kurz telefonisch erreichbar, um bei der Anwendung der gelernt Skills im Alltag zu helfen (bevor es zur Selbstverletzung kommt).
Weitere erfolgreiche Therapieverfahren:
- Schematherapie: Geht davon aus, dass in der Kindheit emotionale Grundbedürfnisse nicht erfüllt wurden. Der Patient lernt, aus schädigenden „Anteilen“ (z. B. dem verletzten Kind oder dem strafenden inneren Kritiker) in den Modus des „gesunden Erwachsenen“ zu wechseln.
- Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT): Hilft Betroffenen zu lernen, eigene Gefühle und die Absichten anderer Menschen besser zu verstehen und zu interpretieren (um Missverständnisse und plötzliche Beziehungsabbrüche zu verhindern).
- Übertragungsfokussierte Psychotherapie (TFP): Ein tiefenpsychologischer Ansatz, der vor allem die intensive Beziehung zwischen Patient und Therapeut nutzt, um die inneren Schwarz-Weiß-Muster (Spaltung) aufzulösen.
Medikamentöse Behandlung
Wichtig: Es gibt kein „Borderline-Medikament“.
Medikamente können die Ursachen der Persönlichkeitsstörung nicht heilen, aber sie können in Absprache mit einem Psychiater eingesetzt werden, um einzelne Symptome oder Begleiterkrankungen (Komorbiditäten) zu lindern:
- Antidepressiva (z. B. SSRI): Werden häufig eingesetzt, wenn gleichzeitig eine schwere Depression oder eine Angststörung vorliegt. Sie können auch helfen, die Grundstimmung etwas zu stabilisieren.
- Stimmungsstabilisierer (Phasenprophylaktika): Können in manchen Fällen helfen, die extremen, rasanten Stimmungsschwankungen etwas abzuflachen.
- Niederdosierte Neuroleptika: Werden manchmal in akuten Krisen eingesetzt, um massive innere Unruhe, paranoide Gedanken oder starke Spannungszustände kurzfristig zu dämpfen.
